"Métamorphoses Nocturnes"


13. Januar 2010 - Sparkassen-Planetarium

Dmitrij Romanov - Nachtstücke für Streichquartett (2009, Uraufführung. Gefördert durch MEHR MUSIK!)

György Ligeti - Streichquartett Nr. 1 „Métamorphoses nocturnes“

Henri Dutilleux - Streichquartett „Ainsi la Nuit“

Der Schauspieler Eberhard Peiker liest Gedichte von Hans Magnus Enzensberger, Gerhard Rühm, Boris Pasternak, Attila Joszef und Wolfgang Bächler.

Ensemble Zukunftsmusik:

Agnes Malich, Jane Berger - Violinen
Roland Metzger - Viola
Johannes Gutfleisch - Cello



Dimitrij Romanov


Dmitrij Romanov wurde 1982 in Moskau geboren und besuchte dort bis 1997 die Klavier- und Kompositionsklasse in der Gnessins-Fachschule für Musik. Er trat in zahlreichen Konzertsälen in Moskau als Pianist und Komponist in Erscheinung. Im Jahr 1993 nahm er am Festival „Genies des XXI Jahrhunderts“ in Buenos-Aires (Argentinien) teil und lebt seit 1997 in München. Von 2001 bis 2006 studierte er Komposition beim Prof. Dr.h.c. Dieter Acker an der Hochschule für Musik und Theater München. Seit 2006 studiert er dort Komposition in der Meisterklasse bei Prof. Jan Müller-Wieland und absolvierte die Klaviermeisterklasse bei Prof. Elisso Wirssaladze. 2002 erhielt er den Musikförderpreis des Konzertvereins Ingolstadt, 2003 den Steinway-Förderpreis München und 2005 den 1. Preis des Reinl-Wettbewerbs für Komposition in Wien.

„Über meine Vorbilder kann ich nichts sagen; von den Lieblingskomponisten des 20. Jahrhunderts nenne ich Berg, Schostakowitsch, Prokofjev, Stravinsky, Messiaen, Lutoslavski, Bartok, Ligeti, Gubaidulina, Schnittke - alle so verschieden!

Als ich die Nachtstücke geschrieben habe, hatte ich keine Absicht, jedem Satz die Titel zu geben, aber der 1. Satz würde Sternflimmern heißen, der 2. Träumerei, der 3. Nachdenken und der 4. Satz Schlaflosigkeit“

Henri Dutilleux


Henri Duttileux war fasziniert von der Nacht als einem von der Realität des Alltags enfernten Zeitraum. "Ainsi la Nuit" (1976-1977) ist das einzige Streichquartett des 1916 im französichen Angers geborenen Komponisten. „Jeder Ton seiner Musik hat für ihn Gewicht, lebt in einer Welt von Spiegeln und irisierendem Licht, jeder verweist in Urgründe des Mythos und spielt mystisch mit den Täuschungsmanövern der Erinnerung.“
Dutilleux schuf aus der Versenkung des inneren Hörens gewachsene Strukturen und wurde damit zu einem der ganz großen, schöpferisch unverwechselbaren Komponisten unserer Zeit, ausgezeichnet mit Preisen wie Prix de Rome 1938, Praemium Imperiale 1994, und dem Ernst von Siemens Musikpreis 2005.
„„Es ist mein Ziel, jedes Werk als lebendiges, organisches Ganzes entstehen zu lassen.“ Und so erscheint das Quartett in 7 kurze Sätze gegliedert, denen jeweils Parenthesen vorangestellt sind, und die ineinander übergehend gespielt werden. Sie tragen Titel wie Nocturne, Miroir d'espace oder Constellations (Nachtstück, Spiegel des Raumes, Sternzeichen). Kernstück des Werkes bilden die beiden Litaneien. „Ich benutze kleine Zellen, die allmählich entwickelt werden. Ich denke, daß ich dabei aus der Literatur beeinflußt wurde, von Proust und seiner Idee vom Gedächtnis.““

Das Nocturne trägt die Nacht im Namen: mit allen Assoziationen, die sich unweigerlich einstellen mögen, subjektiven wie musikalischen. Oder philosophischen: Der Gedanke, dass die Musik der Nacht verschrieben sei, dem Traum, dem Dunklen und Unbewussten, beherrschte die romantische Epoche. Dem hellen Tag gehöre die Ratio, die Logik, das Wort, an dessen Grenzen erst »jene andere Welt« beginne, aus der, wie Richard Wagner glaubte, »der Musiker zu uns spricht«.

Aber auch noch in den »lichten«, kritisch entflammten 70er-Jahren des vorigen Jahrhunderts schrieb ein Komponist Nocturnes, der Franzose Henri Dutilleux: zwei Nocturnes für Streichquartett, die er um weitere Sätze oder, nach seiner Aussage, »Etüden« ergänzte, um einen Kanon für (erste) Violine und Violoncello, der den Raum spiegelt (Miroir d’espace), um zwei Litaneien und um Stücke mit den Titeln Constellations und Temps suspendu. Trotz der beziehungsreichen Überschriften legte es Dutilleux nicht auf eine Programmmusik an, wenngleich er die schließlich sieben Sätze oder Studien, die von Vor- und Zwischenspielen, »Parenthesen«, zum Zyklus verknüpft werden, unter ein poetisches Motto stellte: »Ainsi la nuit«.

Aber es handelt sich bei Dutilleux’ 1976 vollendetem Streichquartett nicht um die Nacht, in der alle Katzen grau sind. Ganz im Gegenteil – in diesen Nachtstücken leben und regen sich tausend Stimmen, Töne, Klänge, Laute, geheimnisvoll und kaum vernehmlich oder brüsk und erschreckend, flüchtige Figuren, »wie nächtliche Schatten«, dunkle Ahnungen, unklare Erinnerungen. Bis am Ende, im letzten Satz, die Zeit »aufgehoben« wird und die Musik, morendo, in der Stille wie im Stillstand verschwindet. »Der Komponist offenbart das innerste Wesen der Welt und spricht die tiefste Weisheit aus, in einer Sprache, die seine Vernunft nicht versteht«, befand Arthur Schopenhauer: »wie eine magnetische Somnambule Aufschlüsse gibt über Dinge, von denen sie wachend keinen Begriff hat.«

(Quelle: www.berliner-philharmoniker.de)

Mehr zu Henri Dutilleux:

http://www.musikmph.de/rare_music/composers/a_e/dutilleux_henri/1.html?nr=1
http://de.wikipedia.org/wiki/Dutilleux

Giörgy Ligeti


Nur selten waren sich bereits die Zeitgenossen über die Bedeutung eines Künstlers so einig, wie bei György Ligeti (1923-2006). An Ligeti führt heute kein Weg mehr vorbei. Aus dem Werk des Komponisten ungarisch-jüdischer Abstammung hören Sie das erste Streichquartett, entstanden 1953-1954, dessen Titel „Métamorphoses nocturnes“ ebenso auf den nächtlichen Charakter verweist. Die 8 Sätze sind auch hier ineinander übergehend komponiert. Ligetis Quartett beschreibt mit der Betonung der Klanglichkeit und des Klangraumes auf seine Weise die Nacht und die nächtlichen Erscheinungen. „Immer hat man dabei den Eindruck, dass Ligeti mit seinen Gedanken mitten im Zentrum der Dinge steht, dass sie ihn in allen Fasern der sinnlichen Präsenz in Beschlag nehmen - Ligeti ist nämlich Synästhetiker. In seinem Kopf verwandeln sich Bilder, Formen und Farben unwillkürlich in Rhythmen und Töne. Auch zu Labyrinthen, Spinnennetzen oder geometrischen Körpern assoziiert sein Gehirn Musik. György Ligeti wurde mit Preisen, wie dem Praemium Imperiale 1991 und dem Ernst von Siemens Musikpreis 1993 ausgezeichnet und war Mitglied in veschiedenen Akademien, u.a. 1975 Orden Pour le Mérite für Wissenschaft und Künste und 1998 assoziiertes ausländisches Mitglied in der Académie des Beaux-Arts in Paris.

"Métamorphoses nocturnes" (mein erstes Streichquartett) komponierte ich 1953/54 in Budapest - für die Schublade, denn an eine Aufführung war nicht zu denken. Das Leben in Ungarn stand damals unter der totalen Kontrolle der kommunistischen Diktatur, das Land war völlig abgeschnitten von jeglicher Information aus dem Ausland. So entstand in Budapest eine Kultur des "geschlossenen Zimmers", in der sich die Mehrheit der Künstler für die "innere Emigration" entschied. Offiziell wurde der "sozialistische Realismus" aufoktroyiert, d.h. eine billige Massenkunst mit vorgeschriebener politischer Propaganda. Moderne Kunst und Literatur wurden pauschal verboten, die reiche Sammlung französischer und ungarischer Impressionisten im Budapester Kunstmuseum beispielsweise hängte man einfach ab und lagerte sie im Depot. Im Bereich der Musik galt der 1945 verstorbene Bartók als der große Nationalkomponist und antifaschistische Held, doch die meisten seiner Werke fielen der Zensur zum Opfer; aufgeführt wurden nur die "versöhnlichen", nichtdissonanten Stücke. Daß alles "Moderne" verboten war, verstärkte hingegen nur die Anziehungskraft, die das Konzept der Modernität auf nonkonformistische Künstler ausübte.

Mein Streichquartett komponierte ich angeregt durch Bartóks mittlere Quartette (Nr. 3 und 4), die ich aber nur aus der Partitur kannte, da sie nicht gespielt werden durften. "Metamorphosen" bedeutet in diesem Fall eine Folge von Charaktervariationen ohne ein eigentliches Thema, doch entwickelt aus einem motivischem Grundkeim (zwei große Sekunden, verschoben um eine kleine Sekunde). Melodisch und harmonisch beruht das Stück auf der totalen Chromatik, in formaler Hinsicht folgt es aber den Kriterien der Wiener Klassik: Periodik, Imitation, motivische Fortspinnung, Durchführung, durchbrochener Satz. Modernität und Tradition empfand ich nicht als gegensätzlich, sondern vielmehr als doppelte Panzerung gegen die erniedrigende Kunstdiktatur. Erst nach meiner Flucht aus Ungarn (1956) wurde dieses Quartett zum ersten Mal 1958 in Wien von dem ebenfalls geflüchteten Ramor-Quartett aufgeführt.

(Quelle: http://kammermusikkammer.blogspot.com)

Mehr zu Giörgy Ligeti:

http://www.ubu.com/film/ligeti_follin.html
http://de.wikipedia.org/wiki/György_Ligeti